Bericht Brevet 400km

Es ist schon fast unglaublich, mit welcher Treffsicherheit die diesjährigen Termine der Berlin/Brandenburger Brevets auf ungemütliche Wettersituationen fallen. War das 200er bereits auf den zweitkältesten Tag im März (im Zusammenspiel mit dem meisten Wind; Referenz Dahlem) gefallen, so hatten sich die Planer für das 400er den deutlich kältesten Maitag im Zusammenspiel mit den wenigsten Sonnenstunden (Null) und den meisten Niederschlägen des Monats ausgesucht. Umso erstaunlicher ist es, dass sich trotz Champions-League-Finale eine nennenswerte Zahl eifriger Randonneure am Samstagmorgen im Amstel-House einfinden. Pünktlich um 07:00 Uhr macht sich die Gruppe auf den Weg. Die Regensachen können noch verstaut bleiben, Dietmar liefert die Info, dass es wohl die ersten drei Stunden trocken bleiben soll. Noch in der Stadt bilden sich erste Gruppen, und ich fahre mit einer größeren Gruppe (ca. 10 Fahrer) in einem vernünftigen Tempo aus der Stadt. Der Wind bläst uns direkt auf die Nase, anfangs ist er aber noch einigermaßen erträglich. Während die Gruppe auf der Straße bleibt, fährt Gerhard teilweise auf dem Radweg, um ein paar Fotos zu machen. Plötzlich ein Krachen: Gerhard ist beim Fotografieren gestürzt. Glücklicherweise macht Gerhard einen sehr eleganten Abgang, der keine nennenswerten Verletzungen nach sich zieht. Die Gruppe bleibt zusammen, die kurze Unterbrechung wird schnell zum Nachfuttern und zur Wasserentsorgung genutzt. Weiter geht es vorbei am neu eingeführten Kontrollfragepunkt. Gegen 10:00 Uhr die ersten Regentropfen, die sich langsam verstärken. Also kurzer Stopp zum Einkleiden in die Regenklamotten. Kurz vor der Fähre Werben das bekannte Kopfsteinpflaster mit der Alternative sandiger Randstreifen. Ich wähle den Randstreifen, der mich in eine Pfütze leitet, in der ich prompt steckenbleibe und mich nur mit einem beherzten Griff in den Schlamm abfange. Kein Thema, ich kann mich ja an der Elbe abwaschen. Nach der Fähre weiter mit Kopfsteinpflaster oder Sand. Ich wähle dieses Mal Kopfsteinpflaster und werde mit einer abspringenden Kette belohnt. Anschließend quäle ich mich langsam weiter durch den nassen Sand. Damit verliere ich den Anschluss zur Gruppe und fahre bis Seehausen alleine weiter. In Seehausen scheint sich der lokale NP-Markt als Standard-Kontrollstelle zu etablieren (hat jemand woanders stempeln lassen?), ich treffe eine Reihe von Fahrern. Schnell den Stempel geholt, Getränke nachgekauft, etwas gegessen und weiter geht es mit einer Vierergruppe. Das Tempo ist noch ok, ich merke aber erste Anzeichen des Ausbrennens. Der kalte Regen und der Gegenwind fordern ihr Tribut, und an einer Steigung falle ich ab und fahre alleine weiter. Obwohl der Wind jetzt nicht mehr direkt von vorne kommt, merkt man die Wirkung der stärkeren Böen deutlich. Kilometer um Kilometer quäle ich mich durch den Regen, bis schließlich Lübz erreicht ist. Ich wähle wie vor zwei Jahren die Eldeterassen als Kontrolle und beschließe, hier ausführlich etwas Warmes zu essen, um mich wieder etwas zu regenerieren. Die Eldeterassen sind gut besucht, und ich muss über eine Stunde auf mein Essen warten. Egal, ich bin in der Zeit, und die Regeneration ist unbedingt nötig. Zwischendurch kommt Sven aus Rathenow herein und holt sich seinen Stempel ab, macht sich aber sofort wieder auf den Weg. Nach dem Essen geht's weiter nach Röbel, jetzt hilft der (leider schwächer gewordene) Wind mit. Der Regen hat zwischenzeitlich auch aufgehört, und so fährt es sich relativ angenehm. Dort treffe ich an der Kontrolltanke wieder einige Kollegen aus der Gruppe vom Vormittag, die sich gerade aufmachen. Ich will aber noch in Ruhe etwas essen und einen Kaffee trinken und fahre daher ca. 15 min später los. Obwohl es gerade nicht mehr regnet, sind die Straßen noch nass, und in der aufgekommenen Dunkelheit sind die Schlaglöcher auf den nicht übermäßig guten Straßen kaum zu erkennen, so dass ich die eine oder andere Delle in der Straße mitnehme. Ungefähr 15 km vor Neuruppin ein plattes Hinterrad. Eine genauere Analyse: Schlauch nicht reparabel, Mantel direkt an der Felge aufgerissen, Felge leicht aufgebogen. Da hat ein Schlagloch ganze Arbeit geleistet. Zum Glück habe ich Ersatz für Schlauch und Mantel dabei. An der Felge kann ich nichts machen, aber der neue Mantel hält auf der Felge. Die Reparatur findet im Licht eines  Autoscheinwerfers statt. Der nette Fahrer will nicht weiterfahren, bis ich mit der Reparatur fertig bin (nochmals Danke an den unbekannten Fahrer). Er spielt auch Müllabfuhr und nimmt den defekten Mantel mit. Mittlerweile hat es wieder begonnen zu regnen. Beim Weiterfahren merke ich, dass es immer noch holpert. Ein Blick mit der Kopflampe auf das Vorderrad: auch hier ist der Mantel direkt über der Felge gerissen, der Schlauch hält allerdings, und so habe ich eine nette Beule im Schlauch. Da ich keinen weiteren Ersatz dabei habe, bleibt nur die vorsichtige Weiterfahrt. Bergauf fällt das Langsamfahren nicht so schwer, aber bergab limitiere ich meine Geschwindigkeit auf höchstens 20 km/h, eher langsamer, um nicht nochmals zu stark in ein Schlagloch zu rollen. Schließlich erreiche ich die Kontrolltanke in Neuruppin, und das Vorderrad hält noch. Leider gibt es keinen Kaffee, dafür aber Bockwurst und Kakao. Jetzt könnte ich zum Bahnhof fahren und prophylaktisch aufgeben. Ich entscheide mich aber, zu versuchen, bis ins Ziel zu kommen. Weiter durch den Regen treffe ich ca. 40 km vor dem Ziel auf Sven, der eine kleine Pause in einem Buswartehäuschen macht. Wir entschließen uns, gemeinsam ins Ziel weiterzufahren. Schließlich erreichen wir Berlin und damit die Schönwalder Allee. Wir fahren auf dem Radweg, den wir an einer Einmündung verlassen müssen. Der Beginn des Radwegs nach der Einmündung ist mit einer riesigen Pfütze überspült. Ich verschätze mich bei der unter Wasser stehenden Bordsteinkante, und schon sitze ich in der Pfütze. Egal, nach stundenlanger Regenfahrt spielt das auch keine Rolle mehr. Noch ein paar Kilometer, und gegen 07:00 Uhr laufen wir im Ziel ein. Hier treffen wir Gerhard, der eine Stunde vor uns eintraf. Jetzt noch ein paar Joghurts essen, und dann ab nach Hause. Das Vorderrad hält auch noch bis nach Hause. Als ich nach ein paar Stunden Schlaf aufwache und mein Rad aufklaren will, fällt mein erster Blick auf das Vorderrad: platt! Das war wohl wirklich eine echte Punktlandung.