Am 23.03.2013 fand in Berlin der 200er der ARA BB statt - für mich die Premiere in der Welt der Randonneure. Bei schönstem Sonnenschein, Temperaturen zwischen -12 und -6 °C und heftigem Ostwind um die 50 km/h habe ich mich unterwegs manches mal gefragt, welcher Teufel mich wohl geritten hat, hier meine Anmeldung abzugeben. Vielleicht war es auch einfach ein (altersbedingter) Moment der geistigen Umnachtung.....

Morgens gegen 06:30 Uhr trafen die ersten Teilnehmer ein. Trotz der Kälte kamen mehr Leute, als ich erwartet hatte. Nach der schnellen und unbürokratischen Aushändigung der Stempelkarten setzte sich der Tross um Punkt sieben Uhr in Bewegung. Bis zur ersten Kontrolle auf der Autobahnraststätte Linum (das war für mich noch eine Premiere - mit dem Fahrrad auf einer BAB Raststätte) ging es recht zügig in größeren Gruppen voran. Der Wind, der bis Linum schön anschob, tat ein übriges, um den Schnitt hoch zu halten. Nach einer schnellen Tasse heissen Kaffees ging es mit Andy, der ebenfalls sein erstes Brevet fuhr und in etwa das gleiche Tempo vorlegte, weiter in Richtung Rathenow. Zusammen haben wir auch den Rest der Strecke absolviert.

Nun ja, die Kontrolle in Rathenow wurde mit gutem Zeitpolster erreicht und an einer Dönerbude gab es den Stempel, einen Döner und Kaffee. Hier trafen wir auch Ralf und noch zwei andere Fahrer, die jedoch schon zur Weiterfahrt aufbrachen. Auf dem nächsten Abschnitt in Richtung Brandenburg erwarteten uns die ersten Schwierigkeiten in Form von Schneeverwehungen bis zu gut 30 cm Höhe und über mehrere hundert Meter Länge. Mit etwas gutem Willen (und den am Vortag noch schnell montierten Crossreifen) war es aber komplett fahrbar - wobei es die meisten vorzogen, ihr Rad zu tragen. Das Ding heißt aber Fahrrad und nicht Tragrad....

Auf jeden Fall kam mir an dieser Stelle zum ersten mal der Gedanke, dass ich wohl nicht ganz frisch im Kopf war, als ich mich anmeldete. Dazu zeigte uns der Wind schon mal, was er noch alles mit uns vorhat - und das war nicht sehr erbaulich. In Brandenburg angekommen war das Zeitpolster schon ordenlich dahingeschmolzen und wir begannen zu erkennen, dass es recht knapp werden wird.

Es lagen noch rund 80 km vor uns, -10 °C und eisiger Ostwind mit teilweise mehr als 50 km/h direkt von vorn. Die Werbefahnen an den Supermärkten knatterten im Wind und die Windgeneratoren an der Strecke drehten sich in einem Tempo, dass man meinte, sie fliegen gleich davon. Natürlich sahen wir die Propeller nur von hinten...

Am Anfang des Brevets dachte ich noch in meinem jugendlichen Leichtsinn, dass ich hier wohl des kleine Kettenblatt nicht brauchen würde - hier gibt es ja schließlich keine Berge. Der Wind belehrte mich eines Besseren. Manchmal ging es nur mit 10 km/h vorwärts - auf der Geraden wohlbemerkt. Man strampelt sich einen ab, guckt nach einer Stunde mal auf den Kilometerstand und stellt fest, dass man kaum vorankommt. Aber die Uhr tickt und die pünktliche Zielankunft gerät in Gefahr. Dann kam der Hungerast. Mein Getränk fuhr ich schon die ganze Zeit als Fruchteis von einem Kilo Gewicht durch die Gegend und so musste die in den Trikottaschen am Körper halbwegs angewärmte Cola und eine Tafel Schokolade herhalten. Es ist erstaunlich, was man in wenigen Sekunden an Kalorien reinbekommt, wenn die Zeit drückt. Der Stop wurde auch gleich benutzt, um die bei Dunkelheit vorgeschriebene Warnweste anzuziehen und die Beleuchtung einzuschalten.

Die letzte Kontrolle in Flatow erreichten wir ca. 40 min vor ultimo. Aber trotzdem gab es hier noch mal Kaffee und für mich ein großes Stück Kuchen um die Kohlenhydratspeicher wieder aufzufüllen. Das war die Voraussetzung um einen 18er Schnitt auch gegen den Wind zu fahren, der nun erforderlich war, um das Ziel innerhalb des Zeitlimits zu erreichen.

Die letzten gut 20 km bis zum Ziel liefen fast schon wie ferngesteuert. Der Zeitdruck, stockdunkle Nacht und absolut keine Ahnung, wo genau man ist. Es wird einfach stur und so schnell es geht dem roten Strich auf dem Navi nachgefahren bis irgendwann das Ziel erreicht ist.

Eine sehr beeindruckende Erfahrung.

Ganze fünf Minuten vor Ablauf der Zeit kamen wir im Ziel an. Keine Glanzleistung - aber wir sind trotz widriger Bedingungen im Zeitlimit angekommen. Mancher wird mich jetzt für verrückt halten - aber das Ganze hat auch noch richtig viel Spaß gemacht und war bestimmt nicht mein letztes Brevet. Erstaunlicherweise gab es keinerlei Probleme mit Knie- oder Sitzbeschwerden und konditionell war das Ende der Fahnenstange auch noch nicht erreicht. Darum freue ich mich jetzt schon auf die 300 km am 13. April. Schlimmer als dieses 200er kann das, so hoffe ich wenigstens, auch nicht werden.

Meine Hochachtung gilt all jenen Sportfreunden, die sich trotz Zeitüberschreitung unter Aufbietung aller Reserven bis zum Ziel durchkämpften. Chapeau! Das nenne ich wahren Sportsgeist...

Jeder, der im Ziel eintraf, wurde mit Beifall begrüßt. Besonders gut hat mir die ruhige und entspannte Atmosphäre, fast schon familiär, während der gesamten Veranstaltung gefallen. Auch wir Neulinge wurden ganz selbstverständlich in die Gemeinschaft der "Fahrradverrückten" aufgenommen. Nun bin ich wohl endgültig vom Fahrradvirus infiziert - meinen Dank an alle, die dieses Brevet möglich machten.