Für den 200er gab es 55 Anmeldungen.
In der Woche davor zeichnetet sich ab, daß die Witterungsbedingungen nicht so einfach sein würden: 15° Frost nachts, tagsüber würden die Temperaturen gerade an der 0°-Grenze kratzen. Es gab viele Anfragen, ob das Brevet überhaupt stattfinden würde.
Nachdem ich die Strecke abgeändert und die Radwegabschnitte entfernt hatte, hielt ich die Strecke für fahrbar. Schnell einen neuen Track und ein neues Roadbook gebastelt (zum Glück hatte ich die Woche frei) und rumgemailt. Es passte gut, daß die Strecke an einigen Orten mit Bahnhof vorbeikam, so hatte jeder die Gelegenheit, auszusteigen,
wenn er nicht mehr konnte. Knapp 40 Fahrer erschienen morgens zum Start und machten sich auf die Strecke. Beim Start schien bereits die Sonne, es waren 10° Frost.
Ich wandte wieder die Zwiebeltaktik wie beim 200er in Kiel an:
Wollunterhemd, Langarm-Unterhemd, 2 Wintertrikots und Regenjacke, Wollsocken, Neopren-Überschuhe, Knielinge aus Wolle, Kurze Hose, Winterhose. Nach 20km wurde mir bereits sehr warm, und ich zog ein Wintertrikot aus. Ich lies die anderen ziehen, fuhr mein Tempo und genoß die Winterlandschaft beim blauem Himmel und Sonnenlicht. In
Brandenburg lag doch deutlich mehr Schnee als in Berlin. Die Strecke war nach Norden größtenteils geschützt, der Wind (Stärke 4 aus Nordost) schob schön. Alles schick!
Bei Tietzwow ging es 1 km nach Nordost über die Autobahn, und ich stand voll im Wind, dazu die ersten leichten Schneeverwehungen. Im Linumer Bruch war nach Norden und Osten alles offen, der Wind schob einen zwar vorwärts, Pulverschnee wehte wie Nebel über die Straße und blieb zum Teil auch liegen. Von den Autos wurde er so verdichtet, daß die Straßenoberfläche zum Teil spiegelblank war.
Die erste Kontrolle (Mc Donalds Linumer Bruch) brachte eine willkommene Möglichkeit, sich aufzuwärmen. Ein Bagel und ein Kaffee weckten die Lebensgeister. Die ersten Fahrer gaben auf, es war ihnen schlicht zu kalt. Wer konnte es ihnen verdenken?
Ab jetzt hatten wir bis Rathenow Schiebewind. Auf der Bundesstraße hatten sich an nach Osten offenen Passagen Schneeverwehungen über die ganze Straße gebildet, die von den Autos bereits platt gefahren und zum Teil verdichtet waren. Sie ließen sich noch gut passieren. In Rathenow gab es am Imbiss lecker Pommes und eine Cola. Auf meine
Frage, ob ich eine ungekühlte Cola bekäme, entgegnete der Imbisseur, daß der Kühlschrank sowieso ausgeschaltet sei. Im südlichen Teil des Abschnitts von Rathenow nach Brandenburg gab es wieder Schneeverwehungen. Besonders beieindruckend war die Stelle, wo auf einer Länge von ca 300m die ganze Straße in voller Breite ca 20cm
hoch mit Schnee bedeckt war. Da der Schnee von den Autos planiert war, kam man trotzdem durch. Hier habe ich meine ersten Fotos gemacht, scheiß auf kalte Finger!
In Brandenburg an der Aral-Tanke trafen wir viele andere Fahrer, die hier in die Bahn steigen wollten. Verdenken kann ich das niemandem, vor allem kam jetzt der härteste Abschnitt: von Brandenburg nach Berlin (70km) gegen den Ostwind. Danke auch an das Team der Tanke Brandenburg, welches jedem Kunden eine sichere Orientierung bei der Defäkation (Enddarmentleerung) gibt: Bitte nur einmal drücken!
Es bildete sich eine 7köpfige Gruppe, die einigermaßen harmonierte. Kurz hinter Ketzin fiel sie jedoch außeinder, und ich fuhr mit Georg weiter. Kurz vor Kladow hatte ich einen ziemlichen Hungerast, der Getränke-Hoffmann vor Ort rettete mich mit Brause und einem Stempel. Meine Finger waren eiskalt, wie durch ein Wunder wurden sie auf der
Fahrt in die Stadt wieder warm. Im Amstelhouse saßen bereits einige Fahrer, es kamen immer noch neue Fahrer rein, wir tauschten Geschichten und Erlebnisse aus und füllten die Elektrolytspeicher mit isotonischen Getränken auf (Bier).
Fazit: ein hartes, aber auch tolles Brevet! Respekt allen Fahrern, die sich auf den Weg gemacht haben, egal ob zuendegefahren oder ausgestiegen. 22 Fahrer sind durchgekommen von knapp 40 gestarteten. Eine schlechtere Quote noch als Paris-Brest-Paris 2007. Dürfte auch eines der kältesten Brevets überhaupt gewesen sein.